Am 31.Oktober fand der diesjährige Pädagogische Tag der Langener Adolf-Reichwein-Schule statt. Im Rahmen einer verstärkten Zusammenarbeit mit der Elternschaft hatte die Schule auch mehrere Elternvertreterinnen eingeladen und mehrere Mütter von ARS-Schülern und –Schülerinnen, inklusive der Schulelternbeirätin Frau Schulz, waren dieser Einladung gefolgt. Ausnahmsweise hatte man diesmal einen außerschulischen Ort für den Pädagogischen Tag gewählt, nämlich das Schloss Heiligenberg in Seeheim-Jugenheim, in dem seit vielen Jahren Veranstaltungen zur Lehrerfortbildung stattfinden. Die ganztägige Fortbildung hatte diesmal das Thema „Legasthenie und Dyskalkulie“ und wurde geleitet von Ute Laue, einer Darmstädter Therapeutin und Expertin für diese beiden Bereiche. Neben ihrem sehr ausführlichen Vortrag gab es immer wieder Gelegenheit zu Rückfragen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die meist darauf zielten, noch Genaueres über die konkrete Bedeutung und Auswirkung des Gehörten im Schulalltag zu erfahren. Frau Laue bemühte sich um ausführliche Antworten, dennoch betonte sie im Laufe des Tages wiederholt, dass es „Patentrezepte“ - über die man als Lehrer natürlich gerne verfügen würde, um Schüler und Schülerinnen mit diesen Problemen gezielter fördern zu können - zu diesem Thema einfach nicht gebe, da „jeder Legastheniker anders“ sei.
Als Einführung ins Thema wählte sie den Dokumentarfilm „Das Schwinden der Sinne“, der Veränderungen in der Kindheit heutzutage beschrieb und deutlich machte, dass bei immer mehr Kindern die Balance zwischen Körper, Seele und Geist nicht mehr gegeben ist und dass daraus verstärkt Wahrnehmungsstörungen entstehen, die u.a. zu Rechtschreibschwäche führen können.
Im 1. Themenblock ging Frau Laue dann entsprechend näher auf diese Wahrnehmungsstörungen ein und führte aus, dass von unseren 7 Sinnen heute der optische und der akustische im Vergleich zu den übrigen 5 Sinnen viel zu stark im Vordergrund stünden. Als Beispiel nannte sie u.a. den erhöhten Fernsehkonsum der Kinder. Ist aber z.B. der Tastsinn unterentwickelt (solche Kinder haben z.B. Berührungsängste), wirkt sich das oft auch auf andere Wahrnehmungsbereiche aus und macht sich in der Schule u.a. beim Schreiben, Lesen und Rechnen bemerkbar.
Besonders gut kam bei den teilnehmenden Lehrern und Lehrerinnen ein spielerisches Experiment an. Sie mussten die Umkreise eines Sternes nachzeichnen, durften aber ihre eigene Hand, die von einem Kollegen bzw. einer Kollegin verdeckt wurde, nur in einem Spiegel beim Zeichnen beobachten. Folglich erwies sich das Zeichnen als wesentlich schwieriger als vermutet. Frau Laue wollte mit diesem Selbstversuch verdeutlichen, was es für Kinder bedeutet, der eigenen Wahrnehmung nicht vertrauen zu können. Selbst Schulrektor Hans Klingenberg musste etwas frustriert nach dem Experiment eingestehen: "Es gab partielle Totalausfälle."
Im 2. Themenblock wurden die Anwesenden über Ursachen und Auswirkungen der Legasthenie informiert. Dabei wurde der Schwerpunkt darauf gelegt, wie man in der Schule Legasthenie bei einem Kind erkennen kann. U.a. verwechseln solche Kinder gerne Buchstaben, z.B. d-g, g-k u.ä., lassen einzelne Buchstaben aus oder fügen welche hinzu und sind nicht zu einem fließenden, sinnverstehenden Lesen in der Lage. Lehrer und Lehrerinnen stellen dann oft vor allem die Auswirkungen solcher Probleme fest, weil viele dieser Schüler sehr wenig Selbstvertrauen und/oder wenig Lust auf die Schule haben. Legasthenie lässt sich durch gezielte Förderung in Schule, Familie und evtl. einer Therapie zumindest verbessern, umso mehr, wenn sie rechtzeitig erkannt wird und entsprechende Fördermaßnahmen ergriffen werden. An dieser Stelle erhielten die Pädagogen wichtige Anregungen, wie die Schule dabei helfen kann. Dazu gehört u.a. das Erteilen klarer Arbeitsaufträge für solche Schüler sowie eine besondere Betonung des Positiven bei Test-Korrekturen. Frau Laue empfahl auch den Verzicht auf den Rotstift bei Klassenarbeiten.
Abschließend ging sie noch auf die Dyskalkulie ein und zeigte typische Fehler, die Schüler mit dieser Rechenschwäche haben. Leider musste sie einräumen, dass Dyskalkulie noch schwerer erkennbar sei als Legasthenie. Nur anhand einer genauen Fehleranalyse, eines Intelligenztests und dem Beobachten dieser Schüler beim Lösen lasse sie sich feststellen. Auch sei in diesem Fall außerschulische Hilfe unerlässlich, z.B. eine Ergotherapie, die darauf zielt, das Körpergefühl der Kinder zu verbessern. Die Referentin wies noch auf denkbare Ansprechpartner hierfür hin, u.a. das Jugendamt und beantwortete schließlich noch ein paar letzte Fragen des interessierten ARS-Kollegiums und der Elternvertreterinnen.
Die Fortbildungsveranstaltung hatte insgesamt zwar viele Informationen und einiges Nützliches zur Thematik enthalten, aber die Lehrer und Lehrerinnen waren sich zugleich im Klaren, dass dies nur ein erster kleiner Schritt auf dem Weg zu einem angemessenen täglichen Umgang mit dieser Problematik gewesen sein konnte.
J.Weiß